Frühstück ausgeschlossen

Frühstück ausgeschlossen

Das Erste, was Sara auffiel, waren die unglaublichen Kopfschmerzen. Ihre Gedanken waberten wie Brei durch ihren Kopf, schafften es aber kaum, zusammenhängende Sätze zu formulieren. Der Abend … ein stechender Schmerz verhinderte es, den Gedanken weiter zu verfolgen. Ihre Augenlider fühlten sich schwer an, wie festgeklebt, und in ihrem Mund hatte sie einen pelzigen, schalen Geschmack. Verdammt, schon wieder hatte sie vergessen, sich die Zähne zu putzen.

Oh man. Dieser furchtbare Geschmack nach Energy würde sie zur Strafe vermutlich den ganzen Tag verfolgen.

Langsam lichtete sich der Nebel, doch noch immer konnte sie sich nur schwer an die vergangenen Stunden erinnern. Okay, gut. Sie hatte natürlich geschlafen. Aber davor?

Angestrengt versuchte sie herauszufinden, was am vorherigen Abend geschehen war, doch dadurch verstärkten sich nur ihre Kopfschmerzen. Es war, als würden tausende Messer in ihr Hirn stechen.

Leise stöhnend versuchte sie, sich auf den Rücken zu drehen. Das Rascheln kam ihr merkwürdig vor, und völlig genervt stellte sie fest, dass sie nicht einmal ihr Kleid ausgezogen hatte. Mein Gott, wie voll war sie gewesen?

So langsam musste sie wirklich ein Ende finden, das ewige Feiern wurde zu viel. Sie konnte doch nicht so weiter machen! Früher oder später würde sie sich damit zerstören. Hatte sie nicht am Vortag noch davon gesprochen, nichts trinken zu wollen? Und nun? Sie hatte schon wieder Gedächtnislücken, was den gestrigen Abend anging, fühlte sich elendig und verkatert. Es war immer und immer wieder dasselbe.

Im Schneckentempo drehte Sara sich auf den Rücken und streckte sich ganz vorsichtig. Kribbelnd floss das Blut durch ihre Adern, erfüllte sie langsam mit Leben und Wärme. Auch wenn jede einzelne Bewegung für erneute Messerstiche in ihrem Hirn sorgte - immerhin spürte sie, dass sie trotz allem noch lebendig war und ihre Vitalfunktionen ob ihrer Alkoholmisshandlungen nicht kapituliert hatten.

Seufzend streckte sie ihre Zehen. Wenigstens hatte sie ihre Schuhe ausgezogen. Zum Glück wurde ihr von der Bewegung nicht schlecht, was sie schon einmal als gutes Zeichen wertete. Dennoch, irgendetwas war merkwürdig. Die Decke fühlte sich ganz schwer und irgendwie rau auf ihrer Haut an … so ungewohnt. Scheinbar musste sie doch ein bisschen mehr getrunken haben, wenn sie solche Wahrnehmungsstörungen hatte. Das Rauschen in ihren Ohren war sicherlich nicht hilfreich, aber das war sie ja schon gewohnt. Nach einem stundenlangen Aufenthalt in einer Disko mit derart lauter Musik war das unausweichlich.

Was war nur gestern alles passiert? Herrgott, es konnte doch nicht sein, dass ihr das nicht mehr einfiel? Was war das Letzte, an das sie sich erinnern konnte? Angespannt durchforstete sie ihre Erinnerung. Okay, Mia war zu ihr gekommen und sie hatten zusammen mit Freunden vorgetrunken. Es schauderte Sara schon bei dem Gedanken daran, das alles heute aufräumen zu müssen. Die ganzen Gläser, die noch nach Alkohol riechen würden … bei dem Gedanken alleine drehte ihr Magen sich um.

Okay. Weiter. Sie waren tanzen gegangen. Ab dort verschwommen ihre Gedanken. Sie war sich nicht mehr sicher, was davon tatsächlich gestern geschehen war und was vielleicht nur Erinnerungen von älteren Besuchen waren, die ihr Hirn nutzte, um die Lücken aufzufüllen. Bunte Lichter, Musikfetzen, tanzende Körper auf der Tanzfläche. Ah, sie waren zum DJ gegangen und hatten sich mal wieder ein Lied gewünscht, genau. Sie hatten zu ihrem Lieblingslied getanzt, dann die anderen stehen gelassen und was getrunken.

Der Klomann!

Ganz plötzlich fiel ihr dieser Gedankenfetzen wieder ein. Da war dieser Typ gewesen mit dem unglaublich netten Lächeln. Sie hatte bei den Toiletten mit ihm gesprochen. Es war witzig gewesen, genau. Hatte sie ihn später nicht noch einmal wieder gesehen? Angestrengt versuchte Sara, genaueres herauszufinden, doch plötzlich war alles nur noch ein einziges, graues Rauschen in ihrer Erinnerung.

Oh man, wenigstens war sie heile nach Hause gekommen, Gott sei Dank!

Erleichtert lehnte Sara sich ins Kissen zurück. Diese Katernachwirkungen würde sie schon irgendwie überleben, da war sie sich sicher.

Wie üblich.

Am besten würde sie einfach noch eine Runde schlafen und in ein paar Stunden sähe die Welt wieder ganz anders aus! Hoffentlich war ihr Handy diesmal lautlos, damit Mia sie nicht gnadenlos wecken würde. Diesmal wollte sie selber bestimmen, wie lange sie schlief. Immerhin hatte sie nichts weiter geplant.

Ein plötzliches Schnauben riss sie aus ihren Gedanken. Zutiefst erschrocken riss sie ihre verklebten Augen auf, um herauszufinden, wer da neben ihr lag ...

... und stellte völlig geschockt fest, dass sie sich gar nicht in ihrer Wohnung befand. Sie hatte zum ersten Mal bei jemand Fremdem übernachtet!

 

Schreckensstarr lag sie dort und traute sich nicht, sich auch nur einen Millimeter zu rühren. Wo verdammt nochmal steckte sie? Was war nur passiert? Obwohl die Kopfschmerzen nun fast unerträglich wurden, rasten ihre Gedanken und versuchten, diese neue Information zu verarbeiten. Zu tausenden schienen sie durch ihr Hirn zu schießen, riefen nach Aufmerksamkeit, wollten wahrgenommen werden. Ihr Herz drohte fast zu zerspringen - und all das in wenigen Sekunden. Die Tatsache, dass sie in einem fremden Bett lag, war nahezu nicht zu verarbeiten, so schrecklich kam es ihr vor. Die Panik nagte an ihrem Bewusstsein, doch sie versuchte, durch logische Überlegungen Ruhe zu bewahren. So sehr es auch reizte, durchdrehen würde ihr nun nichts nützen.

Also tief durchatmen.

Dass sie ihre Kleidung vom Vorabend trug, war das erste gute Zeichen. Es bedeutete schließlich, dass zumindest nichts gelaufen war, oder? Oh verdammt, trug sie ihre Unterwäsche? Sara lauschte in ihren Körper hinein, konzentrierte sich auf ihren Unterleib und stellte fest, dass sie tatsächlich noch bedeckt war – gut. Gleichzeitig jedoch nicht gut, denn warum zur Hölle war sie mit jemandem mitgegangen, nur um dort zu schlafen? Völliger Schwachsinn! Hoffentlich war nichts anderes passiert!

Da sie auf dem Rücken lag, drehte sie ihren Kopf nun vorsichtig zu der Seite, von der sie das Schnauben vernommen hatte. Es wurde wohl Zeit, herauszufinden, bei wem sie die Nacht verbracht hatte. Ein wenig Licht drang schon durch die nicht ganz geschlossenen Lamellen der Jalousien vor dem Fenster, sie musste also schon etwas Zeit hier verbracht haben

(außer sie waren erst sehr spät bzw. früh hier gelandet).

Der Raum war in schummeriges Licht getaucht. Sie erkannte einen Schreibtisch und diverse Möbel, die sofort den Eindruck erweckten, dass sie sich in einem WG-Zimmer befand. Ein letztes Mal tief durchatmend richtete sie schließlich ihren Blick auf die Person neben sich - und wäre vor Erleichterung fast gestorben.

Gott sei Dank, der Klomann.

Es hätte deutlich schlimmer sein können. Eine bruchstückhafte Erinnerung an den gestrigen Abend schoss ihr durch den Kopf: Sie und er oben in der Lounge. Okay, scheinbar hatten sie sich an dem Abend etwas näher kennengelernt. Sara stöhnte auf, am liebsten hätte sie sich vor die Stirn geschlagen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wieso zur Hölle hatte sie bei ihm übernachtet? Das widersprach allen Vorsätzen, nach denen sie sich in den vergangenen Monaten gerichtet hatte. Das erste Mal, dass sie sie gebrochen hatte.

Sie fühlte sich furchtbar.

Angespannt betrachtete Sara den jungen Mann neben sich. Sie war sich nicht sicher, was sie gestern an ihm gefunden hatte. Er war ihr eine Spur zu harmlos, zumindest jetzt, während er schlief. Sein wuscheliges blondes Haar schien wirklich von Natur aus so zu sein. Wahrscheinlich hatte er, wenn die Haare etwas länger waren, richtig schöne Locken. Als Kind war er bestimmt ein Engel gewesen …

Oh man, was tat sie hier? Anstatt zuzusehen, dass sie wegkam, schaute sie sich diesen Typen erst einmal ausführlich an, oder was? Scheinbar schlief er noch tief und fest. Er hatte bestimmt einfach nur im Schlaf gegrunzt oder so. Jetzt hörte sie kaum, dass er überhaupt atmete, so laut war das Rauschen in ihren Ohren. Das erklärte wohl auch, warum sie so lange nicht bemerkt hatte, dass sie nicht alleine war.

Zeit, hier zu verschwinden. Mit vorsichtigen Bewegungen schaute Sara sich um. Sie lag in einem breiten Bett, das ganz in der Ecke eines Zimmers stand. Der Klomann

(Wie hieß er nochmal? Bestimmt hatte er ihr seinen Namen verraten!)

lag am Rand, also war sie selber zwischen ihm und der Wand eingeklemmt. Sehr schlecht, das bedeutete, dass sie sich zum Fußende vorarbeiten musste, ohne den Typen zu wecken.

Bleib doch einfach liegen, schoss es ihr durch den Kopf. Jetzt ist es doch eh zu spät. Doch dieser Gedanke machte sie panisch. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie sich dem Typen gegenüber – hieß er nicht Florian? – verhalten sollte. Hatte sie sich gestern Abend blamiert? Hatte er sie etwa mit nach Hause genommen, weil sie nicht mehr in der Lage gewesen war, alleine zu gehen?

Plötzlich kam ihr ein ganz furchtbarer Gedanke: Warum hatte er nicht mit ihr geschlafen, wenn sie doch schon in seinem Bett lag? War sie etwa so abstoßend? Fand er sie zu hässlich für einen unbedeutenden Fick?

Sara wurde ganz schlecht bei dem Gedanken; alles in ihr schrie förmlich danach, zu flüchten und nie wieder zurückzukehren. Sie glaubte nicht, dass sie diesem Kerl jemals wieder in die Augen blicken konnte.

Jetzt oder nie, immerhin schlief er noch. Sie atmete ein letztes Mal tief durch, dann schob sie die Decke so lautlos wie möglich zur Seite. Alleine diese Bewegung sandte Wellen des Schmerzes durch ihren Kopf, und jetzt machte sich auch ihr Magen bemerkbar. Verdammt, für sowas war sie einfach nicht fit genug!

Eine weitere Erinnerung: Massenhaft Tequila, den sie getrunken hatte. Ihr wurde richtig schlecht. Den Würgereiz unterdrückend begann sie langsam, sich Richtung Bettende zu schieben. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Hoffentlich wachte der Kerl nicht auf! Das Letzte, wozu sie jetzt in der Lage war, war ein Gespräch mit diesem Typen. Unaufhörlich schimpfte sie in Gedanken mit sich selbst, während sie sich dem rettenden Bettende näherte. Das Bett quietschte leise auf und sofort blieb Sara schreckensstarr liegen. Vorsichtig blickte sie zu der schlafenden Gestalt und horchte, doch scheinbar war er nicht wach geworden. Erleichtert aufseufzend arbeitete Sara sich das letzte Stück etwas schneller voran. Sie wollte endlich raus aus diesem Raum. Von Sekunde zu Sekunde schien er sich mehr um sie zu drehen und sie völlig einzuengen. Die Kopfschmerzen brachten sie fast um.

Als sie am Bettende ankam, schob Sara ihre Füße über den Rand und stellte sie vorsichtig auf den Boden. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut aufzustöhnen, so sehr schmerzten ihre Füße, als sie flach auflagen.

Und so heute zum Sport? Vergiss es!, fauchte ihr fieses Unterbewusstsein ihr zu. Langsam richtete Sara sich auf. Ihr Magen rebellierte fürchterlich und kurz dachte sie, sie würde sich an Ort und Stelle übergeben müssen. Oh bitte, lieber Gott, nicht jetzt. Nicht hier. Einige tiefe, langsame Atemzüge halfen ihr, ihren Magen etwas zu beruhigen. Auch der Schwindel, der sie sofort ergriff, als sie sich aus ihrer liegenden Position erhob, legte sich etwas.

Schließlich fühlte Sara sich stabil genug, um aufzustehen. Mit einem leisen Rascheln rutschte ihr Kleid an ihr hinunter und erzeugte dabei einen leichten Luftstoß. Wahrscheinlich würde es fürchterlich aussehen. Na toll. Ich stehe mit Klamotten, in denen ich geschlafen habe, einer Fahne, die bis nach Timbuktu reicht und völlig orientierungslos in einem Zimmer bei einem Typen, den ich nicht kenne. Was kann noch Schlimmeres kommen? Konzentriert schaute sie sich nach ihrer Tasche um. Das zum Beispiel wäre noch schlimmer, wenn sie diese nicht finden konnte. Doch zum Glück lag sie schwer übersehbar mitten auf dem Schreibtisch. Auch ihre Schuhe standen in der Nähe auf dem Boden und warteten darauf, ihre Füße wieder zu malträtieren. So leise wie möglich griff sie nach der Tasche und schaute kurz nach ihrem Inhalt – Handy, Schlüssel, Portmonee, alles da. Sie spürte das erste Mal Erleichterung.

Genau in diesem Augenblick hörte sie ein lautes Rascheln, als Felix

(ja, ganz genau, Felix hieß er!)

sich in seinem Bett bewegte. So ein Mist! Schnell drehte Sara sich zu ihm um, bereit, blitzschnell aus dem Zimmer zu flüchten, doch der Typ lag nach wie vor schlafend in seinem Bett. Allerdings hatte er nun ein Bein und einen Arm auf ihre Betthälfte gelegt, als habe er im Schlaf versucht, sich an sie zu kuscheln. Diese Geste schnürte ihr kurz den Hals zu und sie spürte den irrationalen Drang, wieder zurück ins Bett zu krabbeln und noch eine Weile dort liegen zu bleiben.

Innerlich schrie sie auf. Nein, verdammt nochmal, nein! Genau das wollte sie nicht! Kurzentschlossen schlüpfte sie in ihre Schuhe, schnappte ihre Tasche und eilte zur Tür. Ohne darauf zu achten, ob diese quietschen würde oder nicht, riss sie sie auf und flüchtete in den dunklen Flur. Genau gegenüber des Zimmers schien die Wohnungstür zu sein, da sich daneben ein Türöffner befand, und ohne groß darüber nachzudenken und auch nur einen weiteren Blick auf ihr Umfeld zu werfen, ließ sie die Wohnung mit ihrem Bewohner endgültig hinter sich.

 

Felix wurde wach, als er das Zuschlagen der Wohnungstür hörte. Sofort saß er senkrecht im Bett und blickte auf die nunmehr leere Betthälfte, in der bis eben noch eine vollkommen betrunkene, aber absolut liebenswerte Frau gelegen hatte. Doch jetzt war sie weg und er wusste sofort, dass nicht sein Mitbewohner, sondern sie die Wohnung verlassen hatte. Fluchend sprang er auf, seine Kopfschmerzen vom Vorabend ignorierend

(Dieser verdammte Tequila!),

und lief hinter ihr her. Nur in Boxershorts bekleidet verließ er sein Zimmer, hechtete zur Wohnungstür und riss sie auf - doch zu spät. Ein Blick den Flur auf und ab zeigte ihm, dass von der unbekannten Schönen nichts mehr zu sehen war. Sie hatte ihn heimlich verlassen wie einen peinlichen One-Night-Stand

(nur ohne One-Night-Stand),

und nun war das Einzige, was er von ihr wusste, ihr Vorname. Er war sich sicher, dass er sie nie wieder sehen würde. Wütend boxte er gegen den Türrahmen.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Emma S. Rose