Warum Du?

Warum Du?

Unwillig stapfte ich durch mein Zimmer, um meinen Kleiderschrank zu inspizieren.

Eigentlich hielt sich meine Lust, an diesem Tag etwas zu unternehmen, in Grenzen. Vor ziemlich genau 26 Stunden hatten Markus und ich entschieden, dass es besser war, zukünftig getrennte Wege zu gehen - und das war nach über vier Jahren ein verdammt großer Schritt.

»Lass uns ein bisschen feiern gehen«, hatte Lena vorgeschlagen. »Einfach den Kopf freikriegen.«

Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal feiern gewesen waren, um den Kopf freizukriegen. Mal abgesehen davon, dass weder Lena noch Sandra, meine beiden besten Freundinnen, irgendein Bedürfnis dazu hätten haben müssen. Zumindest nicht so sehr wie ich.

Seufzend ließ ich den Kopf hängen. Irgendwie belastete mich diese ganze Geschichte doch mehr, als ich zugeben wollte. Und das, obwohl es wirklich eine einvernehmliche Trennung gewesen war. Ohne Streit, ohne Szene, ohne schmutzige Wäsche. Ein vernünftiges Gespräch, so wie wir es schon oft geführt hatten - nur dass es diesmal um unsere gemeinsame Zukunft gegangen war, oder eher gesagt, um unsere getrennte Zukunft. Wir hatten uns am Ende sogar umarmt, freundschaftlich, und uns versichert, dass der Kontakt nicht abbrechen würde. Wieso auch - waren wir doch definitiv Freunde. Das war uns vermutlich auch zum Verhängnis geworden: Unsere Beziehung hatte sich in eine platonische Freundschaft verwandelt, schleichend, unmerklich, und doch war es plötzlich geschehen. Meine Lippen hatten nur leicht gezittert, als ich Markus' Wohnung verlassen hatte. Logik hin oder her - ich hatte den Komfort einer Beziehung verloren, die Karten meiner Zukunft hatten sich neu gemischt und eine Leere war in meiner Brust entstanden. Zuhause waren die Tränen dann schließlich auch geflossen.

Also wollten meine Freundinnen mit mir ausgehen. Anders als sonst, denn für gewöhnlich bevorzugten wir gemütliche Cocktailbars, wenn überhaupt. Genauso gerne machten wir DVD-Abende, kochten gemeinsam oder gingen ins Kino.

»Alkohol, laute Musik, tanzen - das lenkt ab«, wisperte ich leise vor mich her und wiederholte damit die Worte, die Sandra hinzugefügt hatte, um mich zu überzeugen.

Ich hatte tatsächlich versucht, ihnen diese Idee auszureden, denn irgendwie war mir mehr danach, mich in eine Wolldecke einzuwickeln, einen großen Pott Eis zu schnappen und vor mich hinzuvegetieren. Natürlich ohne Erfolg. Wie sollte man sich auch durchsetzen, wenn man zwei ganz entschlossen blickende Frauen vor sich stehen hatte?

Nein, keine Chance. Sandra und Lena wollten unbedingt dafür sorgen, dass ich unter Leute kam, also würde es auch geschehen.

Ein kleiner Teil von mir wollte das vermutlich auch. Warum sonst hatte ich die beiden direkt angefunkt, nachdem Markus und ich uns getrennt hatten?

Ich ließ meinen Blick durch mein Zimmer schweifen. Heutzutage kam das vielleicht manchem komisch vor, aber ich wohnte tatsächlich noch in meinem Kinderzimmer, zu Hause bei meinen Eltern - genauer gesagt bei meiner Mutter. Seit Ewigkeiten schon führten wir eine Art WG; seitdem mein Erzeuger sich aus dem Staub gemacht hatte. Damals wäre ich noch zu jung gewesen, um eine eigene Wohnung zu beziehen, und jetzt hatte einfach noch nicht die Notwendigkeit bestanden. Also lebte ich nach wie vor mit meiner Mutter unter einem Dach, und das im zarten Alter von 20 Jahren. Bisher hatte ich deshalb keine Schwierigkeiten gehabt. Markus und meine Mutter hatten sich immer gut verstanden, und oftmals waren wir einfach bei ihm gewesen; er lebte bereits in einer eigenen Wohnung. Ehrlich gesagt war ich nun auch ein bisschen froh darüber, denn derzeit war mir nicht sonderlich nach alleine sein - aber nein, ich wiederhole mich gerne, ich litt nicht unter der Trennung.

Haha.

Ich stand noch immer planlos vor meinem Kleiderschrank, als plötzlich mein Handy vibrierte. Ich zuckte zusammen, da ich nicht damit gerechnet hatte, und fummelte nach dem Ding.

»Machst du dich schon fertig?«

Ich seufzte, als Sandras Stimme mir entgegenplärrte. War ja klar, dass sie mich kontrollieren musste.

»So gut wie«, erwiderte ich etwas ratlos. Der Blick auf meine kleidungstechnischen Möglichkeiten war nicht gerade motivierend.

»Was ziehst du denn an?«

So als würde sie mich beobachten. »Ich glaube, das ist das Problem. Ich habe absolut keine Ahnung«, gab ich zu. »Es ist ewig her, dass wir tanzen waren.«

»Deshalb wird es ja auch Zeit«, erwiderte Sandra gut gelaunt. »Aber für heute kriegen wir das schon hin. Wie wäre es, wenn du einfach zu mir kommst und wir meinen Kleiderschrank durchforsten? Da ist bestimmt etwas Passendes für dich dabei!«

Das war keine schlechte Idee. Sandra und ich hatten in etwa die gleiche Figur, weshalb die Chancen gut standen, etwas bei ihr zu finden. Außerdem nahm ihr Kleiderschrank astronomische Ausmaße an und bot eine Fülle von Klamotten. Wenn ich dort kein Outfit für den Abend fand, würde ich nirgendwo eins finden. Ich ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen und nickte mir dann zu. »Alles klar, wann soll ich da sein?«

Schreiben - das ist mein Traum, mein Lebensinhalt. Seit 2013 veröffentliche ich meine Geschichten. Weil es Spaß macht und weil ich euch schöne Stunden bescheren möchte!

Mein Leitspruch:


"Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun."
(Walt Disney)

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